Stimmen zu Pitor Sonnewend

Piotr Sonnewend ist kein Maler, er ist Zeichner; das ist eine Form der Selbstkasteiung,
Beschränkung; er verzichtet auf die klassische Wertvorstellung des Tafelbildes.
Das Zeichnerische ist das Analytische, das Durchdringende, Entlarvende; so wie etwa ein
Portrait, wenn es gut ist, den Portraitierten entlarvt, ihm die Maske abzieht und
sein wahres Gesicht zeigt.

Zeichnen ist aber auch das Unmittelbare, der kürzeste Weg vom Gedanken zum Bild.
Der Maler plant, entwirft, zeichnet vor, arbeitet aus. Piotr Sonnewend will gar nicht
zum Bild gelangen, er scheut das Bild – wie die Katze das Wasser, wie der mittelalterliche
Christ den Teufel, wie die jungfräuliche Nymphe Syrinx den sie verfolgenden geilen Satyr –
er will den Gedanken, die Sichtweise eines Menschen in seiner Zeit, in zeichnerische Form
kristallisieren. Und die spezifische, eigenständige Sichtweise, das Unnachahmliche,
das jedem echten Künstler zu eigen ist, definiert sich durch den Stil.

Mir erscheinen die Zeichnungen Sonnewends immer reiner als das leere Blatt.
Der leblose Stein, auf dem Urformen der Biologie, die Flechten, meist grau, manchmal blassgrün,
den ersten für uns sichtbaren Schritt hin zum Organischen vollziehen und das Leblose partiell
in Organisches verwandeln; so etwa vollzieht sich der Übergang von Abstraktion zum
Organischen im Werk Piotr Sonnewends. Und dabei etabliert sich zugleich
eine merkwürdige Sinnlichkeit, eine Erotik.

Oft deckt er nicht auf, sondern deckt zu, um uns zu zwingen, die Tiefe zu ergründen.
Es geht nicht um Darstellung des Heiligen, wohl aber um die Aufzeichnung,
Aufzeigung des Menschlichen; und das Menschliche sollte uns heilig sein.
Er ist Humanist, und am meisten da, wo sich das Menschliche, das Organische,
das Gegenständliche hinter der Zeichnung verbirgt.
Eine Allerweltsweisheit: Der Zweck heiligt die Mittel.

Nein!

Der Zweck kann sowenig die Mittel heiligen, wie der kirchliche Segen die Waffen heiligt.
Der Zweck des Künstlers ist der Ausdruck. – Ausdruck, Expression ist heilig. – Die Mittel
können allenfalls durch den Ausdruck geheiligt werden. Aus diesem Erfordernis resultiert
die Wahl der Mittel, denn mitentscheidend für die Wirkung ist das Material.
Die Wahl der Mittel ist hier radikal reduziert, nämlich meist nur der Graphitstift
und ein Radiergummi – letzterer nicht um zu radieren, zu korrigieren,
sondern um Linien zu verwischen – und natürlich noch der Gedankenträger,
das unschuldige reine Papier. Und es gibt kein Irren in der Wahl der Mittel
und Arbeitsmethoden, da sie ja aus Verhängnis zudiktiert sind.

Theodor Ross, 2004


In einem kürzlich gegebenen Interview sagte Sonnewend: „Gebt der Zeichnung eine Chance“ –
was heißt das? Das ist eine ernst gemeinte Forderung des Zeichners, der in der Zeichnung das
Fundament aller Grafik sieht. Grafik – das sind die vervielfältigenden Künste wie Holzschnitt,
Linolschnitt, Kupferstich, Lithografie, die sich der Medien Holz, Linol, Metall, Stein bedienen.
Das Medium der Zeichnung ist das Papier, das Werkzeug des Zeichners ist der Bleistift,
die Feder, der Tuschpinsel, die Kreide, die Kohle. Die Zeichnung kann Studie, Skizze, Entwurf,
Vorzeichnung sein, aber auch viel mehr, nämlich selbständiges Kunstwerk.

Zeichnung, Lithografie, Bühnenbild, Skulptur, Performance – wie passt das zusammen,
wie passt das zu der Behauptung, Piotr Sonnewend sei Zeichner? Die Antwort: Über die
Zeichnung findet Sonnewend Zugang zum Raum und zur Zeit, Raum und Zeit des Bühnenbildes,
Raum und Zeit der Performance, und die Hand-Zeichnung ist nicht die Vorstufe der Grafik,
sondern ihre Voraussetzung. Grafik kann bei ihm nicht Auflagenkunst sein, kein Stillstand und
ein Sichzufriedengeben mit einer Darstellung, Darbietung.

Dr. Norbert Humburg, 2005

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