„Die Gegenwart des Österreichers ist seine Tradition.
Von ihr zehrt er wie Hundertwasser, sie seziert er wie Hausner,
sie versucht er auszulöschen wie Rainer ...“

                                                               (Wieland Schmied)

Wieland Schmied (*1929 in Frankfurt/M.), Journalist, Lyriker, Kunsthistoriker, ab 1986 Professor für Kunstgeschichte
an der Akademie der Bildenden Künste München, ab 1995 Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste,
in den 1950er Jahren in Kärnten Organisator mehrerer Künstlervereinigungen; Rudolf Hausner (1914-1994), österreichischer
Maler des phantastischen Realismus, Kunstprofessor in Hamburg und Wien, 1970 österreichischer Staatspreis.

Arnulf Rainer, geboren am 8. Dezember 1929 in Baden bei Wien, studiert von 1947 bis 1949
an der Staatsgewerbeschule in Villach. In diesen Jahren entstehen detailfreudige Figuren- und
Gesichterzeichnungen, er lernt Werke von Francis Bacon und Henry Moore kennen und setzt sich mit dem
Surrealismus auseinander. 1949 wird er an der Wiener Hochschule für Angewandte Kunst und wenig später
an der Akademie der Bildenden Künste (Wien) angenommen, die er beide nach wenigen Tagen wieder
verlässt, um einen autodidaktischen Weg einzuschlagen.

Während eines Parisaufenthaltes lernt er 1950 den Künstler Jean-Paul Riopelle kennen, der ihn mit dem
„Informel“ vertraut macht, einer Kunstrichtung, die Einfluss auf sein weiteres Schaffen gewinnt. Angeregt
durch die surrealistische Tradition der „écriture automatique“, experimentiert er mit der Technik des
automatischen Zeichnens unter Ausschaltung jeder bewussten Kontrolle.

In Opposition zum neuen und einflussreichen „Art Club“, der die vom Nationalsozialismus verfemte Moderne
nach Wien zurückholt, gründet Rainer mit Ernst Fuchs und anderen Wiener Künstlern 1950 die
„Hundegruppe“, die mittels früher Formen des Happenings agiert. 1951 wendet sich Rainer vom
phantastischen Surrealismus ab und interessiert sich vorrangig für Formzerstörungen. Seine Zeichnungen
ähneln organischen Strukturen, lassen kein optisches Zentrum erkennen und gipfeln in einer gestrichelten
Zeichnung, die sich fast zur schwarzen Fläche schließt.

Nach Proportionsstudien beginnt er 1952/53 die Übermalungen, indem er eigene Gemälde und Werke
anderer Künstler mit monochromen Farbschichten bedeckt. Während er zunächst das Trägerbild
vollständig überdeckt, setzen spätere Arbeiten auf den „Dialog“ zwischen Neuem und Altem. Nach
Photoposen und Photoüberarbeitungen wendet er sich 1956 mit den „Kruzifikationen“ dem christlichen
Motiv und der Idee des Kreuzes zu, das sein gesamtes weiteres Oeuvre durchziehen wird.

In Domprediger Monsignore Otto Mauer, der in Wien 1954 quasi im Schatten des Domes die
Avantgarde-Galerie St. Stephan gründet, gewinnt Rainer einen einflussreichen Förderer. Als visionärer und
streitbarer Kirchenmann findet Otto Mauer seine Vorstellung vom Geistigen und Transzendenten in der
Kunst besonders durch die informelle Malerei repräsentiert. In ihren abstrakten Kürzeln und Zeichen sieht
er metaphysische Bezüge. Kunst – so Mauer – habe unerbittlich den Abbau der vermorschten
Weltgebäude zu beschleunigen. Christliche Kunst – und jede Kunst sei christlich, wenn sie wahrhaft Kunst
sei – müsse diesem Umstand Rechnung tragen: Der eingebürgerte Realismus der Nazarenerbildchen sei
nach dem Ende der Neuzeit, angesichts von Atombomben, Konzentrationslagern und der Präsenz des
Kommunismus, alles andere als Realismus, sondern das Vorgaukeln beschönigender Unwahrheiten.

1956 wird Arnulf Rainer zusammen mit Wolfgang Hollegha, Josef Mikl und Markus Prachensky
Gründungsmitglied der eng mit der Galerie korrespondierenden Künstlergruppe St. Stephan. Die Galerie
St. Stephan entwickelt sich zum österreichischen Zentrum des Informel, Arnulf Rainer wird bald zur
künstlerischen Avantgarde der Alpenrepublik gezählt, ohne dass sich sein weiteres Schaffen unter
den Begriff „Informel“ subsumieren ließe.

1959 gründet Rainer mit Ernst Fuchs und Friedensreich Hundertwasser das „Pintorarium“, das als
Antiakademie gedacht ist, und experimentiert mit neuen Formen der monochromen Malerei. In den 60er
Jahren beginnt er sich für Bilder und Texte von psychisch Kranken zu interessieren. Seine Sammlung
„Outsider“ wird in der Folgezeit auf mehr als 1.500 Blätter anwachsen. Von 1963 an arbeitet er in Ateliers
in Berlin, München und Köln. 1964/65 sorgt er mit medizinisch kontrollierten Malexperimenten unter
Drogeneinfluss und 1968 mit Körperbemalungen für Aufsehen. Zunehmend interessiert er sich für die
verschiedenen Aspekte der Körpersprache, übermalt und überzeichnet fotografische Selbstporträts
und sucht nach einer Verbindung von Malerei und Theater.

Mitte der 70er Jahre entsteht eine Reihe von „Kunst auf Kunst“-Serien, für die er Fotografien von Werken
alter Meister wie Doré, Zanetti, Leonardo, Van Gogh, Rembrandt, Goya und F.X. Messerschmidt
überarbeitet. Zur selben Zeit beginnt er mit der Übermalung von Totenmasken und Fotografien Verstorbener
und entwickelt die gestische Hand- und Fingermalerei. Ab Mitte der 70er Jahre entstehen Zyklen wie
„Schlangenfrauen“, „Ekstasen“, „Künstlertiere“, „Totenmasken“ und „Minetti“.

1980 erwirbt er große Ateliers in Oberösterreich und Bayern und konzentriert sich wieder verstärkt auf
religiöse Themen (Kreuze, Christusdarstellungen). 1982 entsteht die Werkgruppe „Hiroshima“, eine Serie
von Zeichnungen auf Fotos der zerstörten Stadt, die in 18 europäischen Städten gezeigt wird. Mitte der
1980er Jahre widmet er sich in Überzeichnungen unterschiedlichsten Pflanzenmotiven sowie Vögeln und
Reptilien. 1988 beginnt er einen Shakespeare-Zyklus.

Ab 1991 arbeitet er an Märtyrer- und Katastrophenbildern, 1992 entsteht eine Engel-Serie, 1994
Mikrokosmos-, Makrokosmos-Bilder, bei denen er neue Techniken und Materialien verwendet
(Aluminumblech, durch Schrotkugelbeschuss strukturierten Karton, Kartonfräsungen von Wurzelstrukturen
etc.). Aus seinen 1996 begonnenen Bibelillustrationen resultiert zwei Jahre später eine komplette, von
Rainer illustrierte Bibel.

Etwa zeitgleich entstehen die Serien „Schwarze Stämme“ und „Kurven“, „Schleierbilder“ und
„Diagonalmalerei“. In Anknüpfung an seinen Minetti-Zyklus wendet er sich 1996 außerdem erneut
Schauspielerporträts („Mimenporträts“) zu; diese neuen Arbeiten werden 1997 anlässlich
der Salzburger Festspiele gezeigt.

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