„Ich habe vielmehr gesehen, daß die Qualität und die Wahrheit
des Bildes nur wächst, wenn es sich mehr und mehr verdunkelt.“
                                                                   
 Arnulf Rainer (1984)

Unter den vielen Ausstellungen, die dem Werk Arnulf Rainers bisher gewidmet wurden, finden sich
erstaunlicherweise nur wenige, die sich ausschließlich mit seiner Druckgraphik auseinandersetzen,
obwohl er neben der Malerei kontinuierlich graphisch gearbeitet hat und das graphische Werk einen
wesentlichen und selbständigen Teil seines Schaffens bildet.
Mit rund 50 Arbeiten aus dem Bestand der Galerie Sabine Knust (München), von denen eine größere
Zahl zur Jahreswende 1997/98 im Rahmen der Ausstellung „Arnulf Rainer – Die Radierungen“ im
Kunstmuseum Bonn zu sehen war, gibt die Borkener Zusammenstellung erneut einen Einblick in Rainers
grafisches Schaffen; der zeitliche Schwerpunkt liegt auf dem Zeitraum 1986 bis 2000. Die Ausstellung
veranschaulicht, was das graphische Werk insgesamt kennzeichnet: „die Konsequenz, die formale und
farbliche, aber auch thematische und gedankliche Vielfalt, den Spannungsbogen von Dynamik und Ruhe
... In ihr erfährt man auch die vom Künstler selbst immer wieder geforderte physische und psychische
Intensität künstlerischer Arbeit“ (Vorwort im Katalog zur Bonner Ausstellung).

Arnulf Rainer hat sich in seiner graphischen Arbeit vor allem auf die Kaltnadeltechnik konzentriert. Diese
Art der Radierung kommt seinen künstlerischen Zielen besonders entgegen, weil sie eine ständige
Weiterarbeit am Bild und damit die Umsetzung des künstlerischen Prinzips der allmählichen
Überdeckung ermöglicht. Die Bildkomposition kann wachsen und sich von Druck zu Druck verdichten.
Das prozesshafte Arbeiten, das Ringen um eine vorläufig endgültige Form zeigt sich auch darin, dass
Arnulf Rainer viele Druckplatten teils nach vielen Jahren erneut bearbeitet und weiterentwickelt.

Dazu schreibt der Kunsthistoriker Volker Adolphs: „Der von Rainer seit den fünfziger Jahren gesuchte
Weg ins Dunkel, das allmähliche Zuwachsen, Überdecken, Überwuchern, Verhüllen der Bildfläche, der
Prozeß der Verwandlung, Erweiterung und Verdichtung linearer Strukturen vermag sich als ein zeitlicher
Prozeß gerade im Medium der Druckgraphik ... anschaulich zu vollziehen ...
So zeigen sich in den Kaltnadelarbeiten Formen als lineare Bündelungen, Überkreuzungen,
Überlagerungen, feine, gespinsthafte bis sperrig ausfasernde Strukturen, die sich zu dunklen Gebilden
verdichten können, dabei aber ihre Genese nicht nur in den fransigen, splittrigen Randzonen ... deutlich
dokumentieren, vielmehr bleibt auch im tiefen Schwarz das Strichgewebe sichtbar, zeigt sich die
scheinbar ruhende Fläche doch auch als dynamisch linear bewegt.“
Arnulf Rainer selbst schrieb bereits 1970 zu seiner graphischen Arbeitsweise: „Ähnlich dem Prinzip der
Übermalung entstehen meine Radierungen aus anderen, meist aber aus eigenen Platten. Diese
schrittweise Bedeckung vollzieht sich langsam, über mehrere Jahre hinweg. In den vielen Zwischenstadien
gibt es immer wieder nur einzelne Probedrucke. Meine ich, irgendwo festen Grund zu finden, entschließe
ich mich zu einer Auflage. So haben auch diese Platten Stadien hinter sich (man würde sie bei einem
Vergleich allerdings kaum erraten), wie Menschen und Insekten ihre Metamorphosen. Dieses langsame
Auswachsen eines Werkes erlaubt die Kaltnadeltechnik, deshalb wird sie in meiner grafischen Arbeit
immer wichtiger. Es ist wahrscheinlich, daß alle meine Platten einmal im Schwarz, d.h. in einer völligen
Bekratzung enden, aber das ist ein weiter Weg, den ich täglich mühsam weiterkämpfe, da ich, in die
Straße und nicht in das Ziel verliebt, absolut nichts überspringen will“
(Ankündigungstext zur Mappe
„Stirnstrandwand“).

Der Farbe bedient sich Rainer nicht systematisch, sondern emotional. Der farblichen Heftigkeit und
Dynamik in seiner Malerei steht „eine eher verhaltene Expressivität, eine ruhende Energie der Farbe in
den Kaltnadelarbeiten gegenüber. Die Farben wirken hier konzentriert, klar, beinahe ökonomisch gesetzt“

(Volker Adolphs im Bonner Katalog). Beschränkte sich Rainer zunächst auf einen Farbton, oder
unterdruckte er der linearen schwarzen Struktur nur eine zusätzliche Farbe, so erweitert er in den 1990er
Jahren zu einem Wechselspiel zweier differenter Farben: Blau auf Violett, Rosa oder Schwarz, Weiß auf
Grün, Grün auf Rosa etc.

„Wieder erscheint der Doppelcharakter der Überdeckung. Denn einerseits richtet Rainer die Überdeckung
auf den endgültigen Zustand der Stille, Leere, Kontemplation, der völligen Auslöschung, die zugleich
größte Fülle und Dichte ist, und damit auf nichts anderes als den Tod aus, doch zugleich wird die
Differenz zwischen Überdeckung und Tod herausgestellt; die beständige Überdeckung wird als Negation
der Grenze, als Ausweichen vor dem Tod erfahren“.                                                    (Volker Adolphs)

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